Elfriede Lohse-Wächtler

1899 - 1940
Hamburg
Förderkreis Elfriede Lohse-Wächtler e.V.
Elfriede Lohse-Wächtler wurde am 4.12.1899 in Dresden geboren und wuchs bei den Eltern in bürgerlichen Verhältnissen auf. Zu ihrem 1911 geborenen Bruder bestand eine enge Bindung. Nach Schulbesuch ging sie 1915 an die königliche Kunstgewerbeschule in Dresden und studierte hier 1916 bis 1918 angewandte Graphik. Sie löste sich vom Elternhaus. 1919 bis 1923 ging sie an die Hochschule für Bildende Künste, schloß Künstlerfreundschaften und hielt engen Kontakt zur Dresdner "Sezession Gruppe 1919" mit Namen wie Dix, Kokoschka, Felixmüller und Griebel. Sie stand dem Dadaismus und seinem Vertreter Johannes A. Baader nahe. 1921 heiratete sie den Maler und Sänger Kurt Lohse und zog mit ihm in materieller Not 1923 nach Görlitz. Es kam 1923 zu einer Trennung, und sie kehrte nach Dresden zurück. 1925 erkrankte ihr Mann an TBC. Sie siedelte nach Hamburg um, wo sie sich ebenfalls Künstlergruppen anschloß. Sie erlitt 1925 eine Fehlgeburt. 1926 folgte eine weitere Trennung von Lohse. In wirtschaftlicher Not lebte sie weiter in Hamburg. 1929 erlitt sie einen Nervenzusammenbruch und kam für zwei Monate in die Psychiatrie nach Hamburg-Friedrichsberg. Sie entfaltete besondere Produktivität mit ihren "Friedrichsberger Köpfen". 1929 und 1931 war sie auf Ausstellungen erfolgreich. Ab 1930 war sie dem Unterschicht- und Rotlichtmilieu auf St.Pauli nahe. Sie kehrte 1931 in schlechtem psychischem und Gesundheitszustand zu den Eltern zurück. Sie war einige Monate in einem Krankenhaus Dresden-Löbtau, das auch leichter psychisch Erkrankte behandelte, bis sie am 17.6.1932 auch auf Betreiben des Vaters in die psychiatrische Anstalt in Arnsdorf eingewiesen wurde. Auch hier zeichnete sie weiter und hatte in Hamburg 1932 ihre letzte Ausstellung. Fünf Jahre danach wurden auch ihre Werke in Hamburger Museen als "entartete Kunst" von den Nationalsozialisten beschlagnahmt, allerdings nicht auf der gleichnamigen Ausstellung in München 1937 gezeigt. Die Ehe mit Lohse wurde 1935 geschieden. Sie wurde entmündigt. Mit der Diagnose "Schizophrenie" wurde sie zum NS-Opfer: Am 20.12.1935 erlitt sie gegen den Widerstand der Familie die Zwangssterilisierung. Sie brach völlig in sich zusammen, malte nicht mehr und zog sich stark zurück. Anträge der Eltern auf Urlaub drangen nicht mehr durch. Sie wurde von der T4-Aktion der NS-Psychiatrie erfaßt und am 31.7.1940 nach Pirna-Sonnenstein deportiert und dort ermordet.
Das Werk von Elfriede Lohse-Wächtler entwickelte sich, wie ihre Biographie zeigt, aus einer künstlerischen Ausbildung und Praxis. Ihre wichtigsten Werkphasen liegen zwischen 1929 und 1932 mit ihren in der Psychiatrie und im Milieu gestalteten Portraits und Szenebildern, die am ehesten dem Expressionismus zuzuordnen sind und die in der Kunstwelt in ihrer Eigenständigkeit und Authentizität schon früh geachtet war. Die Zeichnungen und Aquarelle sprechen eine sehr direkte, berührende Sprache, in die ihr Leidensweg mit zahlreichen Verlusten und mit Not einfließt. Dabei werden auch ihre Erfahrungen in der alten, oft menschenunwürdigen Anstaltspsychiatrie sichtbar. Zugleich hatte sie mit Ausstellungen Erfolge und wurde von Museen aufgekauft. Viele Werke aus der Arnsdorfer Zeit sind verloren. Ihr Werk wurde nach dem Kriege von ihrem 1988 verstorbenen Bruder beschrieben und durch zahlreiche öffentliche Ausstellungen und Publikationen ab 1991 rehabilitiert. Die Erben, Familie Rosowski und der Förderkreis in Hamburg pflegen Werk und Gedenken.
1999 wurde der Film "es wird schon alles wieder gut..." von Heide Blum im Auftrag des Freistaates Sachsen fertiggestellt. 1999 Namensgebung eines Stationsgebäudes des Sächsischen Krankenhauses Arnsdorf (Ärztlicher Direktor Prof. Dr. Hubert Heilemann) und Errichtung einer Gedenk-Stele. 2000 Gedenktafel am Elternhaus in Dresden. 2004 wurde bei Wehlen/Sächsische Schweiz eine Gedenktafel am Wanderweg errichtet. 2004 wurde in der Psychiatrischen Abteilung in Hamburg-Eilbek, früher Friedrichsberg (unter Chefarzt Dr. Horst Lorenzen) eine Gedenktafel errichtet und ein Rosengarten nach Elfriede Lohse-Wächtler benannt. Benennung von Straßen in Pirna-Sonnenstein, Arnsdorf und Hamburg.
"Ängstige Dich nur nicht immer so sehr, es wird schon alles wieder gut werden" - Elfriede Lohse-Wächtler in ihrer letzten bemalten Postkarte am 5.3.1940 an ihre Mutter.
Auswahl (Nachkriegszeit): Einzelausstellungen 1991 Schloß Reinbek. 1997 Dresden, Galerie Finkenstein. 1999 Dresden, Stadtmuseum. 1999 Hamburg, Altonaer Museum, Aschaffenburg, Städtische Galerie. 2002 Berlin, Fischer. 2003 Pirna, Stadtmuseum. 2004 Heidelberg, Sammlung Prinzhorn. 2005 Berlin, Vertretung Sachsen. 2008/2009 Friedrichshafen, Zeppelin-Museum und Bremen. Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen, u.a. 1995/1996 Wanderausstellung "Malerinnen des XX.Jahrhunderts" in Ismaning, Hamburg, Wilhelmshaven, Worpswede, Marburg und Aschaffenburg, zuletzt 2006 Hamburger Kunsthalle.
Auswahl: Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft (Hrsg.) (2000): "... das oft aufsteigende Gefühl des Verlassenseins", Arbeiten der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in den Psychiatrien Hamburg-Friedrichsberg (1929) und Arnsdorf (1932–1940), Verlag der Kunst, Dresden. Dirk Blübaum, Rainer Stamm, Ursula Zeller (Hrsg.) (2008): Elfriede Lohse-Wächtler 1899-1940, Wasmuth-Verlag, Tübingen. Boris Böhm (2009) Wollen wir leben, Das Leben! Elfriede Lohse-Wächtler. Eine Biographie in Bildern. Dresden, Sandstein-Verlag.
www.elfriede.lohse-waechtler.de. www.kuratorium-sonnenstein.de.
Förderkreis Elfriede Lohse-Wächtler. Persönliche Mitteilungen: Dr. Horst Lorenzen, Prof. Dr. Hubert Heilemann. Photo: Förderkreis Elfriede Lohse-Wächtler e.V.
Foto: Bildausschnitt © Nachlaß Elfriede Lohse-Wächtler, Privatbesitz Hamburg




