Julius Klingebiel
1904 - 1965
Göttingen
Krankenhausmuseum, Asklepios Fachklinikum Göttingen.
Die Originalzelle befindet sich im sog. "Festen Haus" in Göttingen, das dienstlich zum Nds. Maßregelvollzugszentrum Moringen gehört.
Beachten Sie auch die Hinweise unter "News" auf unser aktuelles Forschungsprojekt über diesen Künstler!
Julius Klingebiel wurde am 11.12.1904 in Hannover geboren. Er war verheiratet, lebte in Hannover. Von Beruf war er Schlosser bei der Wehrmacht. Im Oktober 1939 war er im häuslichen Umfeld dekompensiert, er wirkte verwirrt. Nachdem er tätlich wurde und innerfamiliär Drohungen aussprach, wurde er nach Langenhagen eingewiesen und bald darauf nach Wunstorf in die dortige Heil- und Pflegeanstalt verlegt. Von hier aus wurde er noch 1939 nach den damaligen nationalsozialistischen Gesetzen in Neustadt/Rbg. zwangssterilisiert. Im August 1940 wurde er nach damaligem Recht wegen angeblicher Gemeingefährlichkeit in das geschlossene, gefängnisartige Verwahrhaus zu Göttingen verlegt. Die nationalsozialistischen Tötungsprogramme sahen 1940 die Deportation und Vernichtung ausnahmslos aller sog. „gemeingefährlichen Geisteskranken“ vor. Das galt auch für die meisten Patienten im Verwahrhaus. Sie wurden 1940 in Tötungsanstalten wie Pirna-Sonnenstein oder Hadamar transportiert und in der Gaskammer ermordet. Nur wenige wurden nach durch die Anstaltsleitung zurückgestellt. Klingebiel selbst hat diese Zeit überlebt. Die Umstände seiner Rettung sind bis heute nicht aufgeklärt. Möglicherweise war er einige Jahre in einem anderen Teil der Anstalt untergebracht. Der damalige Direktor Prof. Dr. Gottfried Ewald hatte sich gegen die Tötungsprogramme ausgesprochen und zahlreiche Patienten gerettet. Für Hintergrundinformationen hier klicken. Nach 1947 galten die nationalsozialistischen Gesetze über "gemeingefährlicher Geisteskranke" weiter (sog. Gewohnheitsverbrechergesetz vom 27.11.1933) und wurden erst 1969 abgelöst. Klingebiel war in der Nachkriegszeit im Obergeschoss des Verwahrhauses untergebracht und blieb dort bis 1963.

Foto der Rauminstallation ( © H.+S. Scheiter, 2000)
Nachbildung der Zelle © W. Rink, 2010 - Krankenhausmuseum Asklepios Fachkliniken Göttingen
Ob Klingebiel künstlerische Interessen oder Vorbildung hatte, ist nicht bekannt. Er begann um 1950 mit einfachsten Materialien auf seiner Zellenwand zu malen. Er wirkte nach Berichten alter Pflegekräfte beim Malen ruhiger, lebte in seiner Bilderwelt. Pfleger und Ärzte gaben ihm dann Farben. Damit bemalte er im Laufe der Zeit alle Zellenwände mit wechselnden Motiven. Er übermalte viele Wandflächen mehrfach. Seine Themen stammen aus Politik, Technik, Landschaft und Tierwelt und sind gegenständlich figuriert. Politiker, Firmennamen, Wappen, Uniformen tauchen auf. Teilweise werden kleinteilige Symbole, z.B. Wappen oder Uniformmützen und Figuren zu komplexen Mustern zusammengestellt. Dann wieder handelt es sich um umrahmte geschlossene Gemälde mit Tiergestalten, vor allem Hirschen und grossen Landschaften. Immer wieder tauchen Kreuze und Geweihe, aber auch Frauengestalten, Katze oder Tiger oder technische Gegenstände, Flugzeuge oder Schiffe auf. Seine Muster erinnern in manchem an Bilder von Adolf Wölfli . Seine naive, realistische, zugleich von Symbolen durchzogene phantastische Malerei trägt eine eigentümliche für Klingebiel typische Handschrift. Diese wirkt volkstümlich, aber nicht naiv, sie erinnert an mittelalterliche Formen, teilweise an Motive aus der Werbung. Manchmal verschenkte Klingebiel seine Bilder, und die meisten sind wohl verschollen. Es gibt heute noch acht Original-Tuschzeichnungen/Aquarelle, davon ein Scherenschnitt. Sie ähneln den Wandmalereien und haben eigenständigen Werkcharakter.
Klingebiel, der von ehemaligen Mitarbeitern zeitweilig als verwirrt und erregt, dann wieder zugänglich beschrieben wurde, lebte ganz in seiner Bilderwelt. Bei Visiten und Besichtigungen erklärte er die phantastischen Inhalte im Detail und in weitreichenden gedanklichen Zusammenhängen. Nach Einführung der ersten Neuroleptika hat er vermutlich Anfang der 60-er Jahre Medikamente erhalten und wurde als ruhiger und geordneter beschrieben. Er stellte das Malen ein. Er wurde 1963 auf andere Stationen der Anstalt verlegt. 1965 verstarb er in Göttingen.
Klingebiels Werk ist in der Kunstwelt bislang praktisch unbekannt. Die Ausmalung der "Klingebiel-Zelle" im sogenannten Festen Haus ist bis heute erhalten, in ihrer Art einzigartig und muss als hochrangiges Kunstdenkmal angesehen werden. Dank der Aufmerksamkeit von Ärzten und Pflegern wurde die Zelle später nicht mehr belegt. Immer wieder wurden Anläufe unterbunden, die Malereien bei Renovierungsarbeiten abzunehmen und zu zerstören, dabei engagierten sich Anstaltsleitung und Bauverwaltung ebenso wie die Ärzte. Es kam Ende der 80-er Jahre zu Sanitäreinbauten. Die Zelle kann bis heute nicht besichtigt werden, weil der Flur mit den zellenartigen Einzelzimmern als gesicherte Einrichtung des Niedersächsischen Maßregelvollzuges belegt ist. Das schon 1909 erbaute Verwahrhaus (heute „Festes Haus“) hat selbst eine wechselvolle Geschichte. Es blieb nach dem Verkauf des ehemaligen Nds. Landeskrankenhauses Göttingen an die Asklepios AG im Jahr 2008 beim Land Niedersachsen und wurde organisatorisch dem Nds. Landeskrankenhaus, heute Maßregelvollzugszentrum in Moringen zugeordnet. Noch heute sind im Festen Haus Patienten des Maßregelvollzuges untergebracht. So ist Klingebiels Werk seinem Erschaffer treu, es ist wortwörtlich „gesichert“. Historisch ist interessant, daß Klingebiel im selben Zellentrakt lag wie Gustav Sievers, der von dort 1918 die Correctionsanstalt zeichnete. Dort wiederum befand sich zeitweilig Paul Goesch. Noch heute sieht man aus Klingebiels Zelle heraus den Giebel des Gebäudes.
Im Krankenhausmuseum der Asklepios Fachklinik sind 8 Original-Aquarelle und wenige Unterlagen erhalten. Die Krankenakten aus Langenhagen und Wunstorf sind erhalten. Es gibt Fotodokumente aus den 50-er Jahren. Ein altes Portraitfoto zeigt Klingebiel vor seinen damaligen Gemälden. In den Jahren 1985 und 2000 stellte das Landeskrankenhaus Göttingen mit dem Ärztlichen Direktor Dr. Manfred Koller Fotodokumentationen her. Man errichtete auf Grund der Fotos 2008 eine erste Rauminstallation, die im Krankenhausmuseum der heutigen Asklepios-Fachklinik öffentlich gezeigt wird. Die Psychiatrie-Zeitschrift "Der Eppendorfer" berichtete darüber 2008. Die Rauminstallation wurde auf der Ausstellung Elementarkräfte gezeigt. Die weitere Erforschung des Hintergrundes und des Werkes von Julius Klingebiel ist im Jahr 2011-2012 als Folgeprojekt von "Elementarkräfte" in Angriff genommen worden.
"Wie eine eingefrorene Welt" (Dr.Manfred Koller in einem Interview mit dem EPPENDORFER 10 / 2009).
Land Niedersachsen / Krankenhausmuseum Asklepios Fachklinik Göttingen.
Berichte:
EPPENDORFER 10 / 2009: "Wie eine eingefrorene Welt" von H. Niemann/pid.
EPPENDORFER 10 / 2009: Faszinierende Kunstwelt hinter Mauern
Göttinger Tageblatt 27.5.2010 „Kunst aus der Seele“ von Veronika Thomas
Finden sich zur Ansicht unter dem Menüpunkt "News".
Ein Bericht über die NS-Psychiatrie in Göttingen und Prof. Ewald finden Sie hier
Recherchen von Erhard Meyer, Göttingen, Asklepios Fachklinikum. Eigene Recherche.
Diese Seite wird weiter überarbeitet, um neue historische Erkenntnisse einzubinden. Die Forschungsarbeiten laufen noch.

