Ringa Spingles, Ohne Titel, 1985, @ Freunde der Schlumper e.V.
Willkommen!
Diese Seite soll unser Gesamtprojekt dauerhaft dokumentieren.
Wir weisen von Zeit zu Zeit auf Folgeprojekte und Neuigkeiten unter "News" hin.
Wir laden Sie auf eine Entdeckungsreise in die Welt der Kunst ein. Vom 25. April 2010 bis zum 30. Mai 2010 wurden Werke psychiatrieerfahrener Künstler in der Städtischen Galerie KUBUS der Landeshauptstadt Hannover gezeigt. Damit wollen wir die öffentliche Wahrnehmung ihrer Arbeit fördern. Zugleich unternehmen wir eine Zeitreise über ein Jahrhundert Kunst- und Psychiatriegeschichte. Im Zentrum stehen Werke aus der Region Hannover und Norddeutschland. Die Bilder überwinden nicht nur Leiden durch ihre kreative Kraft. Sie bereichern und sind gute Botschafter. Wir fordern zugleich Akzeptanz psychischer Leiden, ungeteilte Unterstützung und Inklusion in sozialer Verantwortung.
Hannover, im April 2010
Prof. Dr. Andreas Spengler
Prof. Siegfried Neuenhausen
Lothar Schlieckau

Foto: © ASp 2010
Hintergrund
Das Thema Psychiatrie und Kunst ist international breit publiziert. Meist handelt es sich um Schriften über kunsttheoretische und kunsthistorische Zusammenhänge oder über Therapien verschiedener Ausrichtungen. Der von Gesellschaften über die „Psychopathologie des Ausdrucks“ vertretene Ansatz, über die Werke das Seelenleben und die Pathologie der Künstler entschlüsseln zu wollen, war historisch wichtig, gilt aber heute in der Kunstwelt als überholt. Kunst von sogenannten „Außenseitern“ gab es schon in früheren Jahrhunderten. J. W. v. Goethe äusserte sich bei seiner Italienreise über die Werke der Villa Palagonia auf Sizilien mit ihren bizarren Skulpturen. Bis heute hält sich die Denkfigur "Genie und Wahnsinn" von Cesare Lombroso (1835 - 1909) in Alltagstheorien über künstlerisches Schaffen. Die ersten, die den eigenschöpferischen künstlerischen Rang von Werken aus der alten Anstaltspsychiatrie erkannten und dies publizierten, waren Walter Morgenthaler (1921) und Hans Prinzhorn (1922). Der wohl bekannteste Name mit einem umfassenden Gesamtwerk ist Adolf Wölfli (1864 - 1930). Maler wie Paul Klee oder Max Ernst haben diese neue Kunstgattung beachtet und gesammelt. Jean Dubuffet (1901 - 1985) verschaffte der Gattung nichtprofessioneller Künstler 1947 Achtung und Geltung mit dem Begriff "art brut". Der heute im angloamerikanischen Raum gebräuchliche Begriff "outsider art" ist ebenso irreführend wie diskriminierend, auch wenn er auf dem Kunstmarkt eine Rolle spielt.
Eine Fülle von Publikationen stellt die Kunstgattung dar und beschreibt Personen und Werkgeschichte. Vereine, Sammlungen und Förderkreise pflegen dies. Bedeutende Institutionen wie die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, Museen in Bern, Lausanne, in Italien oder Frankreich, befassen sich mit der Thematik und pflegen das Erbe der Künstler seit Jahrzehnten. In unserer Ausstellung sind Namen wie Paul Goesch, Gustav Sievers, Elfriede Lohse-Wächtler vertreten. Seit der Psychiatriereform wurden Vorbilder wie das Künstlerhaus in Gugging in Niederösterreich, das von Leo Navratil in den 50-er Jahren gegründet wurde, an vielen Orten aufgegriffen und führen zu großen und kleinen Gründungen von Ateliers und Kunstwerkstätten. In Deutschland gehören die Hamburger "Schlumper" zu den wichtigsten Projekten, ebenso wie Siegfried Neuenhausens wegweisende Bildhauerprojekte. Eine auch nur annähernd vollständige Aufarbeitung würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen. Daher werden im folgenden nur wenige Fundstellen genannt, die zum Weiterlesen und Nachsuchen anregen sollen. Auf dieser Internetseite werden kurze Künstlerportraits angeboten, die zum Weiterlesen anregen sollen. Gleiches gilt für die Ateliers, Kunstwerkstätten und Sammlungen.
Daß diese Kunst in einem gesamtgesellschaftlichen und sozialpolitischen Kontext wahrgenommen wird, ist richtig und notwendig. Dies zeigt sich etwa in der Ausstellungstätigkeit des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen im Kleisthaus Berlin. Wir sehen bewusst davon ab, das Thema im fachlichen Kontext der Humanwissenschaften, besonders der Medizin zu vertiefen. Die beste Botschaft für das Anliegen der Betroffenen sind ihre Werke.
Zitate
"Der künstlerische Akt mit seiner extremen Anspannung, seinem hohen Fieber, kann der jemals normal sein? ... Es gibt so wenig eine Kunst der Geisteskranken wie eine der Kniekranken". (Jean Dubuffet, Paris 1949)
"Artbrutisten" und Gegenwartskünstler verschweißt ein irrationales, häufig therapeutisch orientiertes, "selbstreferentielles" Erlebnissubjekt, das alle Bedingungen des schöpferischen Arbeitens intuitiv erfüllt, sie unabgesichert durch rationale Konstruktionen und Werkorientierungen wie einst Wollen und Müssen, Freiheit und Zwang für sich selbst und andere mit anschaulich macht. ... Das Künstler-Ich in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts folgt keinem doktrinären, gesellschaftlich definierten, utopischen Freiheitsprinzip, sondern projiziert sein persönliches Freiheitserleben in das sich vor ihm ausbreitende raum-zeitliche, soziokulturelle Wirklichkeitskontinuum. ... Vielleicht sind es die Unaufgeklärtheit der Geisteskrankheit, ihre anhaltende Bedrohung, ihre ungelösten Rätsel, die sie für den Künstler bedenkenswert bleiben lassen, um im totalitären Rationalisierungsprozeß der Nachmoderne einen verbliebenen Rest unbeherrschter Natur poetisieren und mystifizieren zu können." Peter Gorsen: Kunst und Wahn in der Perspektive des 20. Jahrhunderts. In: Thomashoff / Naber 1999, S. 8-18
"Seit sich die Institutionen der "kulturellen Kunst" (Dubuffet) den bisherigen "Randkünsten" geöffnet haben, gibt es keine Formkategorien mehr, die exklusiv nur dieser oder jener der beiden Gattungen angehörten. Ich sehe darin einen Gewinn.... Wir integrieren nicht nur die Randkünste, sondern auch mit ihnen die Menschen, die sie hervorgebracht haben." (Prof. Dr. Werner Hofmann (2008): Sie haben, was die anderen suchen. In: Die Schlumper. Commune di San Gimignano, alsterdorf verlag, Hamburg)
"Kunst ist Zusammenarbeit zwischen Gott und dem Künstler, und je weniger der Künstler dabei tut, desto besser." André Gide (1869-1951)
Literatur
Arte Genio Follia. Katalog (2009) Complesso Museale Santa Maria della Scala. Mazotta, Siena
Brand-Claussen, Bettina, Thomas Röske, Maike Rotzoll (Hrsg.) (2002) Todesursache: Euthanasie. Katalog. Sammlung Prinzhorn / Wunderhorn, Heidelberg
Brugger, Ingried, Peter Gorsen, Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.) (1997) Kunst & Wahn. Kunstforum Wien, Dumont
Dubuffet, Jean (1949) Art brut: Vorzüge gegenüber der kulturellen Kunst. Abdruck In: Derselbe, Malerei in der Falle. Antikulturelle Positionen. Schriften Bd. 1, Gachnang & Springer, Bern Berlin
Fuchs, Thomas, Inge Jádi, Bettina Brand-Claussen, Christoph Mundt (Hrsg.) (2002): WahnWeltBild. Springer, Berlin Heidelberg New York.
Hofer, Gunter, Karl Wiechert (Hrsg.) (1970) Imaginäre Welten. Gestalteter Wahn. Medizinische Hochschule Hannover, Selbstverlag.
Kraft, Hartmut (1968) Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie. 3.Aufl. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln
Morgenthaler, Walter (1921): Ein Geisteskranker als Künstler. Bircher, Bern und Leipzig
Navratil, Leo (1965) Schizophrenie und Kunst, dtv, München
Prinzhorn, Hans (1922) Bildnerei der Geisteskranken. 6.Aufl. Springer, Wien New York
Thomashoff, Hans-Otto, Dieter Naber (1999) Psyche & Kunst. Schattauer, Stuttgart New York
Veranstalter


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